Mein Bruder, der Loser!

18 Juni.2020 / 0 Kommentare

Vielleicht wissen Sie es ohnedies, vielleicht wollen Sie es gar nicht wissen. Dann lesen Sie nicht weiter. Es geht um das Schicksal von Küken.

Die Pressesprecher*innen der Parteien werden es aushalten, wenn ich gestehe: Manchmal überfliege ich Presseaussendungen nur, die Menge an Presseaussendungen ist einfach zu groß, die Relevanz hingegen nicht immer. An manchen Presseaussendungen bleibe ich dann doch hängen. Diesmal die Aussendung der Grünen, wonach die Partei im Landtag eine Tierschutz-Offensive starten möchte. Darunter: ein Antrag, wonach das Vergasen und Schreddern von Eintagsküken verboten werden soll. 

Schluss mit dem Verdrängen

Ich kenne diese Praxis, ich verdränge sie allerdings – wie vermutlich viele andere Steirer*innen. Diesmal will ich es nicht verdrängen. 

In Österreich werden pro Jahr rund 10 Mio. männliche Eintagsküken mit CO2 vergast oder geschreddert. Der Hintergrund: Seit rund 60 Jahren, seit Beginn der Hybridisierung der Hühnerrassen, wird die Hühnerzucht in Legerassen und Mastrassen getrennt. Für die Eierproduktion (jeder Steirer isst pro Jahr knapp 250 Eier) braucht man Hühner mit hoher Legeleistung. Mast-und Legerassen zu kombinieren, ist unwirtschaftlich. Also werden die männlichen Eintagsküken getötet. Die Schwestern werden Eier legen, die Brüder sind bereits nach einem Tag die Loser. Das Vergasen durch CO2 macht die Küken rasch bewusstlos – also eh human, wie manche Eierproduzenten meinen. Die Schredderrichtlinien schreiben zwar vor, dass die Geräte so groß sein müssen, dass die meisten Tiere sofort tot sind. In der Praxis heißt das: Die männlichen Küken werden aussortiert, auf ein Fließband gesetzt und direkt in eine Schredderanlage transportiert, wo sie bei lebendigem Leib zerhäckselt werden. Wenn Sie sich ein Video dazu antun möchten…

https://www.welt.de/politik/deutschland/video175058962/Schreddertod-2017-wurden-wieder-mehr-maennliche-Kueken-getoetet.html

Der verdammte Gewinn

Lösungen gäbe es, allerdings sind sie für die Hühnerproduktion nicht wirtschaftlich genug. Der Gewinn ist es, es ist der Gewinn…

Etliche Bio-Unternehmen sind auf Zweihühnerzucht umgestiegen. Die weiblichen Küken werden Legehühner, die männlichen Masthühner. Geht, aber bringt weniger Geld. Es sei denn, wir Konsument*innen wären bereit, etwas mehr Geld für ein Ei zu zahlen. Sind wir offenbar aber nicht. Also lassen wir weiter vergasen und schreddern. 

In Deutschland haben übrigens einige Gerichte entschieden, dass diese Tötungsmethoden für eine Übergangsfrist mit dem Tierschutz vereinbar seien. In einer Übergangszeit, bis es eine ausgereifte Methode gibt, bereits im Ei unterscheiden zu können, ob später männliche oder weibliche Küken schlüpfen würden. 

Partei ergreifen…

Wie gesagt: Manche Presseaussendungen sind einfach nicht wichtig genug. Manche sind wichtig und finden auch Widerhall in der Öffentlichkeit. Manche sind wichtig – und gehen unter. Ich will, dass diese Presseaussendung nicht untergeht. Ich werde auch nicht mehr verdrängen. Das Vergasen und Schreddern von Eintagsküken ist von einer Brutalität, die wir in unserer Gesellschaft nicht zulassen sollten. Trotz aller Einwände der Hühnerproduzenten, trotz aller Argumente der Eierlobby. Manchmal muss man auch als Journalist Partei ergreifen – Partei für eine humane Gesellschaft.